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Alle Sinne auf Kunst

„zusammenkultur“ im Erlenbusch: Kinder und Jugendliche mit schweren Behinderungen erleben basale Kunst. Eine Woche voller Farben und Freude.

Sinnliches Erleben für schwerst­ behinderte Kinder und Jugendliche bei der „Kräutererlebnisreise“

Text: Sandra Wilsdorf, Foto: Timon Kronenberg

Ihr Rollstuhl ist rot und die Erzieherin hat ihr auch heute wieder rote Kleidung angezogen – die Farbe steht ihr so gut. Aber als sie an diesem Tag ihre Hände in Acrylfarbe taucht und so ein buntes Bild entsteht, sind viele Farben dabei, nur kein Rot. Zufall? Oder mag sie Rot vielleicht gar nicht? Bei einem fünftägigen Kunstworkshop im Erlenbusch machten die Kinder und Jugendlichen mit schweren Behinderungen eindrucksvoll deutlich, dass sie – wie alle anderen Menschen auch – ganz unterschiedliche Geschmäcker haben. Nur weil sie nicht so leicht äußern können, was sie mögen und was nicht, heißt eben nicht, dass es ihnen egal ist.

Teilhabe ermöglichen, Natur erfahren. Der sommerliche Kunstworkshop war für alle Beteiligten ein Erlebnis

 

Denn jeder reagierte anders auf die angebotenen Farben, Gerüche, Materialien, die Conny Zolker, Projektleiterin von dem inklusiven Q8-Kulturprojekt „zusammenkultur“, ihnen mit in den großen Garten der Klöpper’schen Villa gebracht hatte. Die Villa ist das Herz des Erlenbuschs, einer Einrichtung der Martha Stiftung in Hamburg-Volksdorf, in dem Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen und Rund-um-die-Uhr-Assistenz leben. In dem Kunstprojekt, an dem im Sommer 17 Kinder und Jugendliche sowie 17 Mitarbeitende aus dem Erlenbusch teilgenommen haben, ging es um „basale Kunst“. Es ging um Riechen, Tasten, Fühlen und Machen, darum, über die Sinne Kunst zu erleben und zu schaffen. Basal ist das, was ein Mensch kann, wenn er auf die Welt kommt. Viele der Kinder, die im Erlenbusch leben, sind über dieses Stadium nicht hinausgekommen – oder durch Krankheit oder Unfall wieder dahin zurückgeworfen worden. Sie können nicht sehen, nicht sprechen oder sich nicht koordiniert bewegen – einige auch gar nichts davon. Sie brauchen rund um die Uhr Unterstützung, auch in der Kommunikation. Die Sprache der Kunst jedoch erreichte sie alle. Auf die eine oder andere Weise.

Da war der Junge, den Physiotherapeutin Britta Ipsen fast schon sein ganzes Leben kennt und von dem sie deshalb weiß, dass er nur auf der Seite so entspannt liegen kann, dass er einen Arm freihat und den Kopf so weit senken kann, dass er fokussieren kann, was vor ihm liegt. Also haben sie ihn so gebettet – und „er hat die ganze Woche nur gelacht“. Und er hat mit Stempel und Farbe Bilder geschaffen, hat darüber gelacht, wie sich Wasser anfühlt, wie es sich mit Farbe mischt, und er hat mit den Händen in verschiedenste Massen gefasst und dabei klargemacht: Am besten gefällt ihm der Kleister.

Und da war der Junge, der bis zu seinem 12. Lebensjahr ein ganz normaler Gymnasiast war, aber vor fünf Jahren eine schwere Hirnblutung erlitt, die große Teile seines Gehirns zerstört hat. Nun ist er in einer Art Wachkoma. Als ihm ein Glas Lavendel unter die Nase gehalten wird, zeigt er die deutlichste Reaktion seit Jahren: Er hebt den rechten Nasenflügel. „Das hat mich total berührt“, sagt Heimleiterin Susanne Okroy. Und: „Das ist für mich Teilhabe.“

„Sich ganz viel Zeit für die Kinder zu nehmen und zu tun, was nach nichts aussieht, aber ganz viel ist!“ – Britta Ipsen, Erlenbusch

Genau die wollten sie, ihr Team und Conny Zolker diesen Kindern ermöglichen, für die es sonst keine Angebote dieser Art gibt. Dafür war Conny Zolker schon im Frühjahr zwei Wochen im Erlenbusch gewesen, hatte sich mit den Kindern vertraut gemacht, mit ihnen künstlerisch gearbeitet und gemeinsam mit Britta Ipsen und zwei Kolleginnen den sommerlichen Kunstworkshop vorbereitet. Und sie hat Materialien zusammengetragen. Dass der eine oder andere sich dabei besonders für die Lammfelle interessieren würde, damit hatte Conny Zolker durchaus gerechnet. Aber dass die kleinen Papierschnipsel, die vorher Verpackungsmaterial für Altarkerzen gewesen waren, sich als etwas erweisen würden, in denen ein Mädchen lustvoll badete, hatte sie nicht erwartet.
Es waren genau diese Momente des Überraschenden, diese Emotionen, die die Kinder zeigten, die den Kunstworkshop zu einem besonderen Geschenk für alle im Erlenbusch gemacht haben. Für die Kinder, aber auch für die Mitarbeiter:innen. Denn sich fünf Tage lang auf nur ein Kind konzentrieren zu dürfen, sich ohne Erwartungen auf das einlassen zu können, was das Kind in gerade diesem Moment signalisierte, und dem folgen zu können, „war die Erlaubnis, sich einmal ganz viel Zeit für die Kinder zu nehmen und zu tun, was nach nichts aussieht, aber ganz viel ist“, sagt Britta Ipsen. Etwas ganz Besonderes in einem Alltag, der sonst mehr vom Tun als vom Wahrnehmen bestimmt wird. Es war ein enges Miteinander zwischen Kind und Betreuerin. „Wie ein Tanz“, so die Physiotherapeutin. Ein Tanz, bei dem das Kind führte. Bei dem es durch Abwehr oder Freude selbst entscheiden durfte, was als Nächstes passiert, bei dem der eigene Wille zählte. Und sich jemand die Zeit nahm, diese feinen Signale, diesen Willen zu entschlüsseln und ihm zu folgen. „Die Kinder müssen hier oft warten“, sagt Susanne Okroy. Als ihnen klar wurde, dass sie in diesen Tagen eine Person nur für sich hatten, einen Menschen, der nicht von ihrer Seite wich, für nichts und niemanden anders zuständig war als nur gerade für dieses Kind, haben einige sich so entspannt, dass sie einfach eingeschlafen sind.

Die Woche hallt nach: Ein Kind hat neulich wieder gemalt, ein anderes wieder die Felle gefühlt. Susanne Okroy: „Ich bin sicher, dass sich die Erinnerungen in das körperliche Gedächtnis der Kinder gelegt haben.“ Es soll künftig weitere Projekte dieser Art im Erlenbusch geben.

Fotos der Werke, die in der kunstvollen Woche entstanden sind, hängen im „Klanggang“ und erinnern an diese besonderen Tage: Sie zeigen Bilder, die Füße gemacht haben, die, in Plastikfolie eingewickelt, erst in Farbe und dann auf Papier getreten sind. Bilder, bei denen die Kinder sich für bestimmte Blüten oder Gräser entschieden haben, die dann mithilfe der Betreuerinnen ihren Weg auf Leinwände gefunden haben. Und Bilder, für die Kinder mit den Ellenbogen Blüten oder Safranfäden in Salzteig gedrückt haben. Jede und jeder nach ihrem oder seinem Geschmack.

Ein Potpourri von Farben und Gerüchen

 

Beitrag aus "Alsterdorf - Magazin der Evangelischen Stiftung Alsterdorf" - 01.2024

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Portrait Conny Zolker
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